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Nach meiner langen Fotopause, als ich die Kamera wieder in die Hand nahm, stieß ich auf ungeahnte Startschwierigkeiten. Ich habe hier bereits davon geschrieben. Ich wußte zuerst nicht genau, woran das lag. Ich dachte, die Kamera und ich hätten uns entfremdet und ein Stück weit lag es sicherlich auch daran.

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Aber eigentlich lag mein Problem woanders. Als ich wieder fotografieren wollte, war ich in einer Gegend unterwegs, die ich zwar sehr mag, aber fotografisch uninspiriend finde. Nichts schien es wert den Auslöser betätigen zu wollen. Rückblickend konnte das Wieder-Finden meiner Fotofreude auf diese Art und Weise absolut nicht funktionieren.

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Die Bedeutung, die man einem Motiv beimisst, ist wichtig für ein gelungenes Foto. Erst, wenn mir das Motiv gefällt und es zudem dann auch noch irgendeine Form von Bedeutung für mich hat, dann inspiriert es mich  und ich kann mühelos Fotos machen. Erst dann offenbaren sich die Bilder und alles was ich tun muss, ist den Auslöser zu betätigen.

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Wenn ich etwas fotografiere, das Bedeutung für mich hat und das mir wichtig ist, dann bin ich beim fotografieren auch bereit ein Stück von mir zu geben. Und nur so gelingen Fotos – das Motiv gibt etwas von sich und ich ebenso. Jedes Foto enthält so immer auch ein Stück von mir.

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Und dieses Stückchen von mir wollte ich zunächst nicht geben. Ich wollte fotografieren ohne Bezug, Ich wollte einfach nehmen. Aber als ich Motive fand, die mich ansprachen, war ich für den Austausch bereit. Erst da, konnte ich die Bilder wahrnehmen und sie mit der Kamera festhalten. Erst da, habe ich erkannt, dass auch ich geben muss, damit meine Fotos für mich Bedeutung haben.

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Fotografieren bedeutet gleichzeitig und innerhalb von Sekundenbruchteilen zu erkennen – einen Sachverhalt selbst und die strenge Anordnung der visuellen wahrnehmbaren Formen, die ihm seine Bedeutung geben. Es bringt Verstand, Auge und Herz auf eine Linie.

Henri Cartier-Bresson

 

Comeback

Mein letzter Blog-Beitrag ist ein Jahr her. Ein ganzes Jahr. 12 Monate, 52 Wochen, 365 Tage. Unabhängig davon welche Zeiteinheit ich wähle, bleibt es eine lange Zeitspanne gemessen an der Geschwindigkeit mit der sich die virtuelle Welt dreht. Dennoch war es ein notwendiges Jahr der Auszeit. Ein Jahr, in dem ich keinen Beitrag verfasst habe. Ein Jahr, in dem ich tatsächlich auch nicht fotografiert habe. Ein Jahr, das ich dringend für mein Offline-Leben brauchte und ausschließlich dafür.

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Nun ist das Jahr vorüber und ich habe erledigt, was ich zu erledigen hatte. Das Interesse an meiner Fotografie und an meinem Blog sind fast unbemerkt zurückgekehrt. Seit einigen Wochen fotografiere ich wieder. Zunächst zögerlich und schüchtern, weil es ungewohnt war meine Kamera in die Hand zu nehmen. Sie fühlte sich fremd und schwer an. Sie fühlte sich unwillig und sperrig an. Das zurückliegende Jahr lag sie unbenutzt im Schrank und es schien als nehme sie mir diese Auszeit übel. Wir waren uns fremd geworden und das ließ sie mich spüren. Ich hatte ihr Auslösegeräusch vergessen und der Objektivwechsel dauerte ungewohnt lang. Ich musste bei den Einstellungen überlegen. Es schien mir als fange ich bei Null an.

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Auf dem ersten gemeinsamen Ausflug sah ich durch den Sucher und sah … nichts. Nichts, was es wert wäre den Auslöser zu betätigen. Nichts, was mich begeisterte. Ich lief weiter, die Kamera an meiner Seite, aber ich schaute nicht mehr durch den Sucher. Ich versuchte mein fotografisches Sehen zunächst ohne Kamera wiederzufinden. Ich war es gewöhnt ständig Fotos zu sehen, die es wert waren festgehalten zu werden, aber nun fiel mir diese Angewohnheit schwer.

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Meine erste Tour mit Kamera war also schwierig und unbefriedigend. Ich habe ein paar wenige Fotos gemacht und die gefallen mir noch nicht mal. Die Fotografie war in dem zurückliegenden Jahrzehnt so sehr meine Ausdrucksmöglichkeit geworden, dass ich nicht damit gerechnet hatte jemals diese Option zu verlieren. Fotografieren zu wollen und es nicht zu können. Vielleicht war es wie radfahren? Ich hoffte, es war wie radfahren! Dann hatte ich es nicht wirklich verlernt, sondern benötigte nur etwas mehr Übung und Zutrauen. Zutrauen in mich und Zutrauen in meine Kamera. Sie fühlte sich auf dem zweiten Ausflug etwas weniger ungewohnt in meiner Hand an. Ich wollte fotografieren. Ich fühlte mich noch immer zögerlich und schüchtern im Umgang mit der Kamera, aber ich wollte fotografieren – nicht mehr und nicht weniger. Meine Entfremdung schwand langsam. Und mit Verschwinden der Entfremdung konnte ich auch wieder Motive sehen und wahrnehmen. Beim dritten Ausflug waren die Kamera und ich so vertraut als hätten wir nie die lange Pause einlegt.

Graslilie4Inzwischen sind einige Wochen vergangen und mein Freude am Fotografieren ist zurückgekehrt. Und mit ihr meine Freude am bloggen.

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Wir müssen von Zeit zu Zeit eine Rast einlegen und warten, bis unsere Seelen uns wieder eingeholt haben.

Indianische Weisheit

 

gelb

Da die Sonne leider vorerst wieder verschwunden scheint, versuche ich es heute mit leuchtenden und strahlendgelben Fotos. Nachdem mein Nebenakteuer aus den letzten beiden Beiträgen also leider das Haus verlassen musste, ich jedoch ausgesprochene Freude an dieser Art der Pflanzenfotografie gefunden habe, musste Ersatz her. Eigentlich ist es kein Ersatz. So nach und nach werde ich verschiedene Pflanzen fotografieren und dann vermutlich irgendwann eine Collage oder Serie daraus erstellen. Oder … was ganz anders.

Mein zweiter Hauptdarsteller ist eine Forsythie. Sie steht derzeit in voller Blüte und wird mir noch etliche Fotofreuden bereiten. Sie ist so unglaublich fotogen, dass ich bereits jetzt Schwierigkeiten hatte, meine Fotoauswahl einzuschränken. Die Darstellungsmöglichkeiten sind so unendlich und die Kreativität hat allen Raum, den sie braucht, um sich voll entfalten zu können. Langweilig wird mir da nicht – weder beim Fotografieren, noch beim Betrachten der fertigen Werke.

Dominierend ist heute also Gelb. Die Farbe der Sonne und reifer Zitronen. Oder eben des Goldflieders.

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Bisweilen stelle ich mir die Farben als lebendige Gedanken vor, Wesen reiner Vernunft, mit denen ich mich auseinandersetzen kann.

Paul Cézanne

 

Nebenakteure – Auswahl 2

Auch die heutige Auswahl an Fotos gefällt mir sehr. Überhaupt hatte ich Gefallen daran gefunden habt, immer die gleichen Zweige über mehrere Tage hinweg zu fotografieren. Da dann natürlich nicht jedes Foto gleich aussehen soll, wurde ich automatisch kreativer und suchte neue Ansichten. Ich fotografierte, wie ich es sonst vielleicht nicht getan hätte.

So inspiriert, hatte ich schon die Projekt-Idee im Kopf die Zweige 30 Tage lang täglich zu fotografieren und jeden Tag ein Foto auszuwählen und eine Collage zu erstellen. Aber dann entdeckte ich beim Fotografieren an Tag 3 oder 4 (da hatte ich die Zweige jedoch bereits 3 Wochen zu stehen gehabt), dass sich in einer der Früchte eine Made gebildet hatte und dort zu Gange war. Leider kommen solche Insekten und ich nicht gut aus. Ich kann sie nicht leiden – egal, wie nützlich sie auch sein mögen. Schlagartig war es vorbei mit meiner Bewunderung und Zuneigung zu den blumigen Nebenakteuren. Sie mussten leider umgehend das Haus verlassen.

Trotz dieses ungeplanten und jähen Endes habe ich eine reichhaltige Fotoausbeute erhalten und mag die Art der Fotos. Da mir gerade das Setting vor dem dunklen Hintergrund so gut gefällt, habe ich das inzwischen auch mit anderen Pflanzen ausprobiert und kann versprechen, dass demnächst noch mehr Pflanzenfotos auf diesem Blog zu sehen sein werden.

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Entspanne Dich. Lass das Steuer los. Trudle durch die Welt. Sie ist so schön.

(Kurt Tucholsky)

 

Nebenakteure – Auswahl 1

Heute ist Valentinstag. Und egal, ob ihr den Tag mögt oder nicht, ob ihr ihn zelebriert oder ignoriert, es werden unbestreitbar viele Blumen verkauft und verschenkt. Wunderschöne Sträuße mit eindrucksvollen Hauptakteuren, die sofort alle Blicke auf sich ziehen. Aber in so einem Blumenstrauß gibt es nicht nur die Hauptakteure, sondern auch Nebenakteure. Kleinere und unscheinbare Blumen und Pflanzenteile. Ohne diese Nebenakteure sähen die Hauptakteure vermutlich ziemlich langweilig und kahl aus. Die Nebenakteure unterstützen die Hauptakteure tatkräftig, lassen sie noch mehr scheinen und werden doch fast immer übersehen und unterschätzt.

So einen Nebenakteur habe ich an einem regnerischen Wochenende in Szene gesetzt und fotografiert. Und so ist aus einem kleinen, unscheinbaren Nebenakteur ein Hauptakteur geworden. Und weil er so unglaublich fotogen war und ich meine Fotoauswahl nur schwer begrenzen konnte, habe ich eine kleine Post-Serie daraus gemacht und zeige nur jeweils ein paar Aufnahmen – damit keine untergeht und jede die Beachtung findet, die sie verdient hat. Die folgenden Fünf machen den Anfang.

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In diesem Sinne … happy Valentinsday …

leidige Schmerzen?

Im Allgmeinen werden Schmerzen als negativ empfunden. Als störend, als unangenehm, als lästig, als etwas, das nicht da sein sollte und daher besser betäubt und erstickt wird. Es sei mal dahin gestellt, ob es körperliche oder seelische Schmerzen sind. Die meisten von uns möchten sich am liebsten dem Schmerz entziehen – so schnell und so einfach wie möglich. Zumindest empfinde ich oft so.

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Aber das ist meistens gar nicht möglich und auch nicht hilfreich. Schmerzen sind Signale und Signale sollte man genauso beachten, wie die rote Ampel an einem Bahnübergang. Allerdings geht es mir nicht um die Schmerzen und ihre Funktion an sich, sondern darum, welche Bedeutung ich ihnen oft beimesse. So lange ich sie negiere und weghaben will, sind sie stark und scheinbar unerträglich.

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Aber sind Schmerzen immer negativ? Kann ich nicht meine Sichtweise ändern und sie als essentiell und einen absolut notwendigen Entstehungs- oder Entwicklungsprozess ansehen? Eine Wunde kann ohne Schmerz nicht verheilen. Der Schmerz ist notwendig, damit der Körper regenerieren kann. Ebenso seelische Schmerzen, die wohl mehr als Trauer oder Leid empfunden werden, lassen sich nicht vermeiden. Erst wenn sie durchgestanden sind, kann es weiter gehen. Ich finde das folgende Zitat sehr treffend in diesem Zusammenhang.

„Niemand kann den Morgen erreichen, ohne den Weg der Nacht zu durchschreiten.“

(Khalil Gibran)

Schmerz ist unvermeidbar. Er ist mal mehr und mal weniger da, aber immer Teil des Lebens. Wenn ich dies verstehe, kann ich mein Empfinden, meine Sichtweise ihm gegenüber ändern und damit verändere ich mein Schmerzempfinden. Wenn der Schmerz dann vorrüber ist, ist es etwas Neues da, etwas, das ohne diesen Schmerz nicht hätte entstehen können. Im Idealfall ist das entstanden, was fehlte und durch den Schmerz verdeutlicht wurde. Sei es der wieder zusammengewachsene Knochen, die neue Haut über der Schürfwunde, das geheilte Herz nach einer unglücklichen Liebe oder die Veränderung des eigenen Lebens nach der leidigen Erkenntnis, dass etwas entgegen den eigenen Wünschen oder Vorstellungen läuft. Schmerz ist nicht nur unvermeidbar, sondern auch wichtig.

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Ich streite nicht ab, dass Schmerzen jeglicher Art unangenehm sind, aber letzten Endes kommt es immer auf die Bedeutung an, die wir dem Schmerz verleihen. Und diese Bedeutung ist individuell. Für mich ist Schmerz ein Entstehungs- und/oder Entwicklungsprozess. Für mich ist Schmerz Kraft.  Und mit dieser Erkenntnis kommt eine Art Akzeptanz und Annahme. Der Schmerz wird leichter. Leichter zu ertragen und leichter durchzustehen. Bis der Morgen dann da ist.

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(Un-)Endlichkeit

Im Gegensatz zum Meer ist meine Lebenszeit (und die aller anderen) endlich. Das Meer war lange vor mir da und wird noch lange nach mir da sein. Aus entsprechender Ferne betrachtet, fällt meine Lebenszeit ungefähr so ins Gewicht wie ein Sandkorn am Strand. Während ich morgens also mit dem Weckerklingeln aufstehe und mich im Büro und nach der Arbeit um die anderen alltäglichen Dinge kümmere, vergesse ich schlicht, wie endlich meine Lebenszeit ist. Ich bin vollauf beschäftigt den Alltag zu wuppen. Der Autopilot hilft.

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Ab und an jedoch geschehen Dinge oder ich treffe Menschen, die mich an die Endlichkeit meines eigenen Lebens erinnern. Und sie erinnern mich daran, dass ich viel zu oft, viel zu sehr mit den Alltagsgeschehnissen beschäftigt bin und darüber hinaus andere wichtige(re) Dinge vergesse. Natürlich ist mein Alltag wichtig, aber es gibt noch eine andere Wichtigkeit.

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Ein Wichtigkeit, die darauf drängt, dass ich nicht alle Wünsche, Träume und Vorstellungen beliebig weit aufschieben kann, sondern mich irgendwann entscheiden muss, ob ich ihnen nachgehe oder sie vergesse. Besser ist es daher jeden Tag auf’s Neue die Prioritäten festzulegen und auf die Gewichtigung zu achten – nicht nur Alltag, nicht nur Vergnügen, nicht nur Träume.

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Und ich werde daran erinnert, den für mich wichtigen Dingen, Priorität einzuräumen. Meine kostbare Zeit nicht mit sinnlosen Dingen zu vergeuden, sondern sie sinnvoll und weise zu nutzen. Die Definitionen von sinnvoll und weise muss ich natürlich für mich selbst bestimmen. Nur ich kann entscheiden, was für mich sinnvoll ist. Nur ich kann entscheiden, was wichtig ist. Nur ich kann entscheiden, für was ich meine Zeit und Energie aufbringen möchte.

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Aber wie oft treffe ich so eine bewußte Entscheidung tatsächlich? Eher selten. Besonders im Alltag bestimmt oft der Autopilot. Der natürlich seine Berechtigung hat – denn das Leben wäre viel zu anstregend, wenn wir ständig über jede vertraute Tätigkeit neu und aufmerksam nachdenken müssten. Aber dennoch sollte der Autopilot nicht nur im Urlaub, sondern auch im Alltag öfter mal ausgeschaltet werden und jeder Moment bewußt wahrgenommen und entschieden werden, damit ich jeden Tag auf’s Neue meine Endlichkeit bewußt einsetzen und bewußt darüber entscheiden kann, was mir gerade wichtig ist und was ich angehen möchte. Und manchmal auch angehen muss.

Übrigens, auch Wochenenden eignen sich gut dazu den Autopiloten auszuschalten, raus aus der Routine und ganz bewußt entscheiden, wofür ich meine endliche Lebenszeit einsetze.

Der Mut, normal zu sein

Der Mut, normal zu sein. Das las ich neulich in einem Buch und seit dem geht mir dieser Satz nicht mehr aus dem Kopf und dieser Satz bietet so viel Interpretationsraum und Gedankenanstoß, dass er mich noch eine ganze Weile beschäftigen wird. Denn er sagt so viel und lässt mich überlegen, warum unsere westliche Gesellschaft einen Punkt erreicht hat, an dem es nicht mehr ausreichend scheint, normal bzw. durchschnittlich zu sein. Scheint, als ob es etwas unangenehmes ist, Durchschnitt zu sein. Nicht ausreichend halt. Durchgefallen in der Gesellschaft. Normalität wird mit einem Stigma belegt.

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Aber ist es tatsächlich schlecht, normal zu sein? Wenn ich mir in einem beliebigen Buchladen die Regale mit Selbstoptimierungsbüchern ansehe und über deren Vielfältigkeit und Anzahl staune, denke ich ‚ja‘. Heutzutage darf man alles sein, nur nicht normal und durchschnittlich. Dieser Eindruck wird natürlich verstärkt durch diverse soziale Medien, in denen so gut wie nie Normalität zu finden ist (bei dieser Behauptung lehne ich mich etwas aus dem Fenster, denn ich habe mich bereits vor einiger Zeit aus den sozialen Medien verabschiedet). Alles ist überzogen und überschönt dargestellt. Ich vermute, die virtuelle Welt hat ihren Sinn für Normalität bereits verloren. In den sozialen Medien gehört definitiv Mut dazu, normal zu sein.

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Und im wirklichen Leben? Haben wir da den Mut, normal zu sein? Oder muss es nicht auch hier immer höher, schneller, weiter und besser sein? Mir fallen unzählige Beispiele aus dem Leben ein, in denen es nur darum geht vor anderen zu glänzen und sich abzuheben. Angefangen im Berufsleben, wenn die eigenen Erfolge bis zum Erbrechen betont werden oder die Antwort auf die Frage nach dem Wochenende mit 50 Aktivitäten und Ausflügen beantwortet wird, weiter über die Fotografie, wenn es bei Fototreffen nur darum geht, wer die teuerste Technik und das exotischste Foto hat, bis hin zu unseren Kindern, die in der Schule besser Einsen schreiben, damit die Empfehlung für das Gymnasium auch sicher ist. Neben den ausgezeichneten Schulnoten sollten die Kids noch ein Musikinstrument lernen, die Fremdsprache aus dem Kindergarten vertiefen und zum Ausgleich einer Sportart nachgehen. Spielen und verabreden um des Verabredens willen, sind eher unerwünscht. Sie bringen die Kids nicht weiter.

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Das Leben und Streben der Meisten ist darauf ausgerichtet, besonders sein zu wollen – zumindest alles andere als normal und durchschnittlich. Dennoch bleibt im gesellschaftlichen Gesamtbild jede Menge Normalität übrig. Die Meisten sind normal und durchschnittlich. Warum fällt uns das so schwer zu akzeptieren? Warum wollen wir etwas darstellen, was wir nicht sind? Ist es nicht furchtbar anstrengend, so eine Differenz zu Leben? Es ist an der Zeit, die Normalität zu feiern und den Mut aufzubringen, normal zu sein. Da ist nichts falsch dran. Es ist an der Zeit für ein wenig Selbstakzeptanz und Wertschätzung der Normalität. Wenn man das erkennt, dann kann man sein normales Leben genießen und bringt den Mut auf, normal zu sein.

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experimentieren

Ich habe folgendes inspiriendes Zitat gelesen:

„Seien Sie nicht zu schüchtern und zögerlich in Ihren Handlungen. Das ganze Leben ist ein Experiment. Je mehr Sie experimentieren, desto besser.“

Ralph Waldo Emerson

Das passt gut zu meinem letzten Beitrag über die gefühlte Warteposition und wahrscheinlich hat es mich deswegen auch angesprochen. Wobei ich bei diesem Zitat Experimente nicht wortwörtlich als Experimente sehe, sondern meine, es bezieht sich darauf (kalkulierbare) Risiken im Leben einzugehen.

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Ich wünsche Euch ein Wochenende voller Experimente.

Annett

 

abseits

Mitunter gibt es Tage, da fühle ich mich ins Abseits gedrängt. Raus aus meinem Leben und in eine Warteposition verbannt. Dazu bestimmt zuzuschauen und unfähig eine vernünftige Handlungsentscheidung zu treffen. Wie ein Flugzeug in der Warteschleife den Flughafen umkreisend, aber nicht in der Lage zu landen. Diese Tage fühlen sich verschwendet und ungelebt an. Dieser Abseitsstrudel ist gar nicht so leicht zu durchbrechen. Am einfachsten gelingt mir dies, indem ich gar nicht erst versuche den verlorenen Faden aufzunehmen, sondern ganz bewußt etwas anderes mache. Meistens ist es fotografieren. Dabei entstehen Fotos, deren einziger Zweck darin besteht, eine ungute Routine zu durchbrechen. Das funktioniert meistens und auch wenn die Fotos nicht zeigenswert sind, sind es doch wichtige Fotos für mich.

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Aber es gibt auch die Tage an denen ich mich in einer Abseitsposition fühle und dann nicht zur Kamera greife, weil ich weiß, dass es mir die gewünschte Ablenkung bringt, sondern weil ich unbedingt fotografieren muss. Weil es das einzige ist, was Sinn ergibt. Dann fotografiere ich ohne genaue Vorstellung und lasse mich treiben – von meinem Bauch und meinem Gefühl. Es entstehen Fotos von denen ich selbst überrascht bin. Sie sehen auf den ersten Blick unscheinbar aus. Erst beim zweiten Blick gewinnen sie an Kontur und ich finde Gefallen an den leisen und unauffälligen Fotos, die entstanden sind. Ganz anders als geplant, aber genauso wichtig und wertvoll wie andere Fotos.

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Und dann erkenne ich, dass eine Warteposition im Abseits mitunter auch nützlich sein kann. Manchmal brauche ich die Stille und Ruhe des Abseits. Das Verharren und Zaudern. Unser modernes Leben ist wild, bunt und voll. Von allem gibt es viel zu viel. Da kann man schon mal leicht vom Weg abkommen und sich verirren. Etwas Zeit abseits kann da helfen wieder zurück zum eigentlichen zu finden. Es kann helfen, den Blick neu zu fokussieren.

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Entscheidend ist nur, nicht zu lange im Abseits zu verweilen. Früher oder später muss man die Warteposition aufgeben –  mit neuer Energie und unverbrauchtem Blick auf altbekannte Dinge.

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Annett