Begegnungen in der Stille II

An einem Morgen einer ganz gewöhnlichen Arbeitswoche liege ich seit 4 Uhr wach im Bett. Um 5:17 Uhr habe ich dann kapituliert und bin aufgestanden. Nun ist der erste Kaffee getrunken – auf dem Sofa und umgeben von Dunkelheit und Stille – und ich weiß, dass ich nach dem Tippen dieser Worte einen Zweiten trinken werden. Das ist ein wenig unvernünftig, denn ich merke bereits jetzt wie das Koffein mein Inneres antreibt, aber ich liebe die Wärme und die Ruhe, die Kaffee verbreitet.

Es ist noch früh und dadurch sehr still um mich. Ein wenig stört mich das grelle Licht im Carport der Nachbarn, aber wenn ich die Außenjalousie schließe, dann sperre ich auch den letzten Nachthimmel aus. Das möchte ich nicht, also lebe ich mit der Erkenntnis wie laut eine einzelne Lichtquelle im Dunkeln sein kann.

Ich habe hier über Begegnungen in der Stille geschrieben. Es ging dabei um meine Begegnungen mit wunderbaren Menschen auf einem Aussichtsturm. Und nun, auf dem Sofa, an einem friedlichen Montagmorgen, umgeben von Dunkelheit und Stille, begegne ich mir. Und wieder einmal wird mir bewusst, wie sehr Ablenkungen und Alltagstrubel diese Begegnungen verhindern. Wie wichtig es ist, auch sich selbst in der Stille zu begegnen.

Obwohl ich oft Stille um mich habe und mir meine Auszeiten nehme, heißt das nicht, dass ich dann auch automatisch bereit bin mir selbst zu begegnen. Ich habe schon viele stille Morgen mit Kaffee auf dem Sofa verbracht und bin mir begegnet. Wenn ich aber jetzt daran zurückdenke, dann muss ich auch feststellen, dass ich mir nicht vorbehaltlos und vollständig begegnet bin. Unbewusst habe ich oft eine Art sanften, inneren Widerstand gespürt. Dinge gefühlt, die ich nicht fühlen wollte. Aus der Balance und haltlos. Hilflos. Ohne zu wissen, wobei ich denn überhaupt Hilfe benötige.

Und an diesem Montagmorgen in der Stille begegnet mir jemand anders. Jemand, der schon immer da war, sich aber meistens versteckt oder zumindest nur teilweise gezeigt hat. Und dieser Jemand offenbart sich mir angstfrei und vorbehaltlos mit all seinen Facetten – sofern ich diese überhaupt auf einmal begreifen kann. Das fiel mir die letzten Monate sehr schwer – mich in meiner Vollständigkeit zu begreifen und zu akzeptieren. Und nun bin ich meiner Mitte einfach so wieder ein gutes Stück näher gekommen. Ich kann erkennen, dass Schwäche Stärke enthält und Stärke Schwäche. Manchmal ist man nur wegen einer Schwäche stark oder wegen einer Stärke schwach. Denn nichts ist ausschließlich gut oder schlecht.

Stille ist in dieser lauten Welt so unglaublich unterschätzt und wird als unwichtig abgetan. Dabei ist die Stille voller Antworten, wenn man bereit ist, sich ihr hinzugeben und sie zu akzeptieren.

Und durch die Stille hat das Laute und Trubelige dann auch wieder seinen Platz im eigenen Leben gefunden.

Zeit, die Kaffeemaschine ein zweites Mal zu betätigen, noch etwas der Stille in und um mir nachzuhängen und dann ins Alltagsgeschehen einzutauchen.