Begegnungen in der Stille

Heute erzählte mir jemand, dass manche Menschen oder besser die Menschheit an sich egoistisch und rücksichtslos sei. Und er hat Recht. Aber das ist natürlich nicht die ganze Wahrheit. Jeder hat bereits egoistisches und rücksichtsloses Verhalten erlebt oder sich selbst so verhalten. Aber deshalb eine ganze Menschheit pauschal verurteilen? Kann das richtig sein? Oder ist das nur eine besonders pessimistische Weltanschauung? Denn klar ist auch, dass die Welt genau so ist, wie wir sie sehen und empfinden. Worauf richte ich also meine Aufmerksamkeit? Auf die großen und kleinen Fehlverhalten meiner Mitmenschen oder auf die schönen und wertvollen Begegnungen mit ihnen?

Ich sann darüber nach und musste an meinen zurückliegenden Sommer denken. Ich walke viel und fast immer laufe ich dieselbe Strecke. Fast immer mache ich dann auch einen Abstecher zum See, an die Stelle mit dem Aussichtsturm. Dort mache ich Halt und genieße die Weite und Ruhe um mich. Denn um diesen Turm ist nichts als Natur und Stille. Er liegt in einem Naturschutzgebiet und ist nur zu Fuß erreichbar. In den Sommermonaten ist er – je nach Wetter und Tageszeit – gut besucht. Alleine bin ich dann nur selten. Nun kommen die Wintermonate und es wird wieder ruhig werden. Fast einsam. Nur ein paar Wasservögel, Wildtiere und Wind um mich.

Neben diesen Stunden der Ruhe hat der Turm mir auch Begegnung mit wunderbaren Menschen beschert. Menschen, die ich vorher nicht kannte und die nur für diesen Moment des Aufeinandertreffens in meinem Leben waren und dennoch hat die Begegnung mit ihnen mein Leben bereichert und mein Herz berührt. Wenn man offen und aufmerksam ist, dann trifft man überall diese großzügigen, freundlichen Menschen und teilt ein winziges Stück Lebensweg mit ihnen. Man redet und fühlt Sympathie und gegenseitiges Interesse. Diese außergewöhnlichen Begegnungen haben die Macht all die negativen, weniger beeindruckenden oder auch ärgerlichen Begegnungen aufzuwiegen, wenn wir bereit sind, uns auf sie einzulassen und sie zu bemerken.

Drei Begegnungen in den zurückliegenden Monate sind mir besonders im Herzen geblieben und ich denke voller Freude an sie zurück.

Zum einen war da der Sonnenuntergang im April, den ich zusammen mit einem älteren Ehepaar und einer Freundin von ihnen verbrachte. Wir kamen recht schnell ins Gespräch, sie teilten ihren Weißwein mit mir und wir redeten über Gott und die Welt. Es war ein sehr herzliches und wunderbares Beisammensein und es fühlte sich an, als ob ich diese Leute schon lange kannte. Es fiel mir schwer aufzubrechen, denn zu gern hätte ich das Gespräch weitergeführt. Die Sonne war jedoch schon lange untergegangen und ich hatte noch 4 km Heimweg vor mir – umgeben von stiller Natur und ohne jegliche künstliche Beleuchtung. Ich habe mich dann schweren Herzens, aber voller Dankbarkeit über diese gemeinsame Stunde bei einem wunderschönen Sonnenuntergang – als Bonus sozusagen – verabschiedet.

Die nächste Begegnung, die ich nicht vergessen werde, war an einem trüberen Nachmittag im Juli, glaube ich. Ich war allein auf dem Turm als sich das junge Mädchen zu mir gesellte und schnell das Gespräch suchte. Ich habe ihr Alter zunächst auf 14 geschätzt, aber es stellte sich heraus, dass sie bereits in die 11. Klasse kommen sollte. Sie ist mir im Herzen geblieben, weil sie so ein offenes und starkes Mädchen ist, die genau weiß, wer sie ist. Wenn ich daran zurückdenke, wie ich in dem Alter war oder auch nicht war, dann hat sie allein dadurch meine uneingeschränkte Anerkennung. Und wir haben sehr schnell herausgefunden, dass wir beide die gleiche große Vorliebe für Fotografie teilen.

Und dann war da noch der Psychologie-Student, den ich im August getroffen habe. Ich dachte schon, ich habe den Sonnenuntergang und die Weite für mich allein, aber bevor die Sonne endgültig verschwunden war, kam er noch dazu. Wir haben über Fernwanderwege und Barfußschuhe gesprochen und darüber, dass auch die Heimat erstaunlich schöne Flecken zu bieten hat. Bis es dann Zeit wurde aufzubrechen, weil die Dunkelheit der Nacht hereinbrach.

Die Menschheit allgemein ist womöglich rücksichtslos und egoistisch, aber ab und an begegnet man Menschen, die einem unerwartet ein Lächeln ins Herz zaubern und die viel aufwiegen. Am Ende des Tages ist es also letztlich ein Frage, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte. Weil die Welt genauso ist, wie jeder einzelne sie sieht.

9 Gedanken zu „Begegnungen in der Stille

  1. Pauschal be-oder gar verurteilen mag ich nicht. Das begründet so viel Verletzung. – Aber dass die welt so ist, wie sie jeder einzelne sieht, das vermag ich doch kaum anzunehmen.

    Ich verstehe wohl, was Du meinst und weiß selbst wie wichtig und richtig es ist, die schönen Dinge in der natur und in den Begegnungen mit Menshen zu sehen, auch ganz beweusst sein Augenmerk darauf zu richten. Aber das macht für mich die welt, meine Wahrnehmung der Welkt nicht besser, es hilft mir (was nicht zu unterschätzen ist), allenfalls, die Welt, wie sie ist, ein wenig besser ertragen zu können.

    Das, was die Welt heute menschengemacht sehr ausmacht ist zu grell, zu laut, zu überwältigend und ich bin ein Mensch mit, in diesem Kontext leider, besonders feinen, empfänglichen sehr ausgeprägt sensiblen Sinnen, als dass ich es wirklich mal gar nicht spüren könnte.

    Für mich bleibt es eine Gratwanderung.

    Um so mehr habe ich die Schilderung Deiner Begegnungen genossen. Sie haben mir Freude geschenkt, und ich habe Dich darin als einen feinsinnigen, freundlichen Menschen erkannt.

    Viele liebe Grüße an Dich!

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    1. Hallo Sternflüsterer,

      vielen lieben Dank für Deinen Besuch und Deine Worte, gaben sie mir doch Anlass meine Ansicht, dass die Welt so ist, wie jeder sie sieht, nochmals zu überdenken und in Frage zu stellen. Und sie zeigen mir, dass Du ein ebenso aufmerksamer Leser wie Schreiber bist.

      Unsere Welt besteht aus Gegensätze. Ohne Lärm würde es die Stille nicht geben. Ohne Hässlichkeit keine Schönheit. Ohne Schatten kein Licht. Ohne Traurigkeit keine Fröhlichkeit. Die Welt so zu sehen, wie man selbst ist, heißt nicht, die andere Seite zu verleugnen oder sie gutzuheißen, sondern es bedeutet zu akzeptieren, dass es zwei Seiten gibt. Jeder Einzelne entscheidet für sich selbst, welcher Seite – beide haben ihre Daseinsberechtigung, da sie sich gegenseitig bedingen – er sich wann zuwendet. Welchen Aspekten unserer Welt er seine Aufmerksamkeit schenkt.

      Letztlich bestätigst Du es sogar, wenn Du im Kommentar von Deiner Wahrnehmung der Welt schreibst. Deine Wahrnehmung ist eine andere als meine. Wir beide haben Recht. Die Welt ist subjekt und jeder muss seine eigene Sicht finden. Pass auf Dich auf. Pass auf, dass Du nicht zu sehr an dieser Welt verbrennst – eine Formulierung, die ich auf Deinem Blog gelesen habe und die mir nicht aus dem Kopf geht, denn ich spüre, wie schwer es Dir fällt nicht zu verbrennen.

      Liebe Grüße,
      Annett

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  2. Alle kleinen positiven Begegnungen, alle noch so kleinen positiven Gedanken, Ideen und Augenblicke summieren sich auch… und werden mehr und größer… wenn wir es zulassen!!! Das Schöne ist, wir können das selber beeinflussen, wohin wir schauen;-)…

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