Der Mut, normal zu sein

Der Mut, normal zu sein. Das las ich neulich in einem Buch und seit dem geht mir dieser Satz nicht mehr aus dem Kopf und dieser Satz bietet so viel Interpretationsraum und Gedankenanstoß, dass er mich noch eine ganze Weile beschäftigen wird. Denn er sagt so viel und lässt mich überlegen, warum unsere westliche Gesellschaft einen Punkt erreicht hat, an dem es nicht mehr ausreichend scheint, normal bzw. durchschnittlich zu sein. Scheint, als ob es etwas unangenehmes ist, Durchschnitt zu sein. Nicht ausreichend halt. Durchgefallen in der Gesellschaft. Normalität wird mit einem Stigma belegt.

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Aber ist es tatsächlich schlecht, normal zu sein? Wenn ich mir in einem beliebigen Buchladen die Regale mit Selbstoptimierungsbüchern ansehe und über deren Vielfältigkeit und Anzahl staune, denke ich ‚ja‘. Heutzutage darf man alles sein, nur nicht normal und durchschnittlich. Dieser Eindruck wird natürlich verstärkt durch diverse soziale Medien, in denen so gut wie nie Normalität zu finden ist (bei dieser Behauptung lehne ich mich etwas aus dem Fenster, denn ich habe mich bereits vor einiger Zeit aus den sozialen Medien verabschiedet). Alles ist überzogen und überschönt dargestellt. Ich vermute, die virtuelle Welt hat ihren Sinn für Normalität bereits verloren. In den sozialen Medien gehört definitiv Mut dazu, normal zu sein.

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Und im wirklichen Leben? Haben wir da den Mut, normal zu sein? Oder muss es nicht auch hier immer höher, schneller, weiter und besser sein? Mir fallen unzählige Beispiele aus dem Leben ein, in denen es nur darum geht vor anderen zu glänzen und sich abzuheben. Angefangen im Berufsleben, wenn die eigenen Erfolge bis zum Erbrechen betont werden oder die Antwort auf die Frage nach dem Wochenende mit 50 Aktivitäten und Ausflügen beantwortet wird, weiter über die Fotografie, wenn es bei Fototreffen nur darum geht, wer die teuerste Technik und das exotischste Foto hat, bis hin zu unseren Kindern, die in der Schule besser Einsen schreiben, damit die Empfehlung für das Gymnasium auch sicher ist. Neben den ausgezeichneten Schulnoten sollten die Kids noch ein Musikinstrument lernen, die Fremdsprache aus dem Kindergarten vertiefen und zum Ausgleich einer Sportart nachgehen. Spielen und verabreden um des Verabredens willen, sind eher unerwünscht. Sie bringen die Kids nicht weiter.

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Das Leben und Streben der Meisten ist darauf ausgerichtet, besonders sein zu wollen – zumindest alles andere als normal und durchschnittlich. Dennoch bleibt im gesellschaftlichen Gesamtbild jede Menge Normalität übrig. Die Meisten sind normal und durchschnittlich. Warum fällt uns das so schwer zu akzeptieren? Warum wollen wir etwas darstellen, was wir nicht sind? Ist es nicht furchtbar anstrengend, so eine Differenz zu Leben? Es ist an der Zeit, die Normalität zu feiern und den Mut aufzubringen, normal zu sein. Da ist nichts falsch dran. Es ist an der Zeit für ein wenig Selbstakzeptanz und Wertschätzung der Normalität. Wenn man das erkennt, dann kann man sein normales Leben genießen und bringt den Mut auf, normal zu sein.

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16 Kommentare zu „Der Mut, normal zu sein

  1. Ich gebe dir recht in deiner Wahrnhemung und deinem Empfinden … bis auf Einschränkungen. Der Selbstoptimierungswahnsinn kennt aktuell kaum Grenzen. Ich war kürzlich entsetzt, als ich erfuhr, dass immer mehr (junge) Frauen sich die Schamlippen verkleinern lassen – und zwar aus ästhetischen Gründen (hier zu Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Schamlippenverkleinerung) …. What? … und bei den Männern geht’s nicht minder abstrus zu … Und dieser Selbstoptimierungswahnsinn zielt ja eigentlich eher darauf sich einer NORM anzupassen … Ist also eine gegenläufige als von dir geschilderte Entwicklung … aber Hintergrund ist wieder … in der NORM … besser , schöner , undwasweißeichnochalles zu wirken, als man glaubt zu sein …. ich denke daher dass des Pudels Kern eher ein Selbstwahrnehmungsproblem ist … man kommt sich minderwertig vor, wenn man nicht etwaigen Normen entspricht … und dann sind wir beim Leistungsdenken … heutzutage musst du der „Bringer“ sein …. ohne dass du nicht die Hippste bist, hast du Selbstwertprobleme …. Ich sehe daher die Notwendigkeit sich so anzunehmen wie man ist – ohne wenn und aber und sich selber in dieser Form zu lieben …. also ich bin in vielen Bereichen absolut „Durchschnitt“ (ich nenne es einfach mal in solchen Kategorien) … in anderen Stinke ich voll ab (und hadere natürlich auch damit) und in anderen bin ich gut und besser (und freue mich darüber) …. warum muss ich dorthin schauen, wo ich nicht so gut bin und mich darauf fokussieren ? … Dabei vergesse ich die vielen Aspekte meines Selbst, die Durchschnitt sind – also der NORM entsprechen – und auch diese, wo meine Qualitäten liegen .. . die Folge sind Identitätsprobleme und eine Entfremdungsproblematik … ich werde mir und meinem Körper immer fremder …. und dann sind wir schon dort wo wir jetzt sind …. an etwas, das mir fremder ist, kann ich rumschnipseln und optimieren bis zum Abwinken … ist mir ja fremd … also: die eigene Existenz annehmen und akzeptieren – so schwer es manchmal fällt – das scheint mir die Antwort zu sein … und ganz wichtig … die/den Andere(n) auch in seiner/ihrer Existenz annehmen und akzeptieren … und dann ist es Scheißegal ob in oder außerhalb der Norm …. puh … das war jetzt ein langes Statement, musste aber sein … Gruß .. Robert

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  2. sehr interessant und ich bin in allen PUnkten deiner Meinung ! die Ziele und Vorstellungen werden heute allgemein sehr hoch gesetzt und wenn man daran scheitert gilt man schnell als „Looser “ ! Für Kinder finde ich das ganz besonders schlimm diesem Stress ausgesetzt zu sein. Es gibt nun mal sportliche und weniger sportliche, musikalische und weniger musikalische usw. Wo ich allerdings wert darauf lege sind die vorhandenen Fähigkeiten zu fordern. Es muss Spaß machen und darf aber nicht in Leistung ausarten ! Alles in allem stimme ich aber deinem Beitrag zu !!!! Manni

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    1. Danke, Manni. Du hast es nochmal auf den Punkt gebracht.

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  3. Wunderschöne Bilder und ein nachdenklich machender Text. Perfekt zum Sonntagnachmittags-Kaffee 🙂

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    1. Vielen Dank für Deinen Kommentar und Besuch 🙂

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  4. Oh, das ist ein sehr interessanter Ansatz und vor allem spannende Gedanken. Ich kann Dir in vielerlei Hinsicht nur zustimmen. Unsere Gesellschaft ist teilweise wirklich stark beschädigt und das bringt seine Konsequenzen mit sich. Spürbar. Ich für mich hab beschlossen das es an erster Stelle wichtig ist das ich mich selbst „richtig“ einschätze und meine Außenwirkung erstmal ausblende. Wenn ich damit im Reinen bin, kann ich mich um alles andere kümmern. Aber ganz ohne Zwang und nur dann wenn ich Lust dazu habe… Das ist kein Rezept, aber vllt ein Ansatz 😉

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    1. Deinen Ansatz finde ich richtig und gut – Du kannst nur Dein Leben leben und Dich um Dich selbst kümmern. Es liegt außerhalb Deines Einflussbereichs, was andere von Dir denken oder wie sie Dich sehen. Im Englischen gibt es den Satz „what you think of me is none of my business“. Ich habe eine Weile gebraucht bis ich den wahren Sinn dahinter verstanden habe.

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      1. Die Kunst ist es jetzt nach diesem tollen, englischen Satz zu leben… Das ist die Herausforderung… Machen wir uns einfach beide daran 😉

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  5. ach du sprichst mir wirklich aus der seele. dieses thema beschäftigt mich auch grade total. warum hat man das gefühl, unzulänglich zu sein, wenn man einfach nur das sein und haben will, was eben „normal“ ist? da schwingt immer mit „mache ich zu wenig aus meinem leben?“ „bin ich spießig?“ „werde ich das am ende bereuen?“ – ist das nicht verrückt…

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    1. Oh Paleica, ich kenne die Gedanken nur zu gut. Dieses Gefühl immer mehr machen und leisten zu müssen. Schrecklich, oder? Einfach nur sein dürfen, wäre mal eine willkommene Abwechslung 😉 Aber natürlich liegt es an mir, meine Sicht auf mich und die Welt zu verändern.

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      1. oh ja, das stimmt. aber das ist einerseits das schlecht, aber andererseits das gute. es liegt an uns zu sagen „stoppt“.

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  6. Toller Text zu tollen Bildern!

    Kopfnickend habe ich ihn gelesen und auch schmunzeln müssen, weil ich mich doch auch selbst ertappe bei dem Gedanken: Bin ich denn genug!? Mein Verstand weiß, dass es so ist und ich versuche mich auch aktiv daran zu erinnern.
    Ich stimme dir bei deiner Beobachtung zu. Faßt scheint es schon „mutig“ zu sein, wenn man sagt: „Ich habe nichts unternommen. Oder gar die Seele baumeln lassen.“ Wobei nichts, ja so auch nicht stimmt. Aus dem „Nichts“ entstehen Ideen, Gedanken, Träume, Ziele,… Erst im Innehalten entdeckt man neues…

    Jeder birgt in sich etwas besonderes und man muss nicht „besser“ sein als andere. Man sollte einfach sich selbst sein.

    Liebe Grüße
    Nicole

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  7. toller Blog mit super schönen Bildern

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